Freitag, Jänner 13, 2006

2.Essay

Strukturalismus
Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?

Claude Lévi-Strauss Denken, ist unter vielen anderen Einflüssen, besonders von Emile Durkheim und Marcel Mauss geprägt. Im speziellen von Mauss’ Werk „Die Gabe“, welches einen starken Einfluss auf Lévi-Strauss’ Ideen bezüglich Verwandtschaft als heiratsmäßigen Tausch ausübte.
Lévi-Strauss postuliert, dass die Essenz der Kultur, die ihr innewohnende Struktur ist.
„This ist true both for particular cultures, with their on specific configurations, and for culture worldwide, in the sense that particular cultures exist as part of a system of all possible cultural systems” (Barnard S.125).

Strukturalismus in seinem weitesten Sinn beschäftigt sich mit Mustern. Er beruht auf der Grundannahme, dass Phänomene nicht isoliert auftreten, sondern in Verbindung mit anderen stehen. Die Struktur wird durch einen Beobachter konstruiert, sie existiert also nicht wirklich auf der Ebene der Realität. Der Strukturalismus, bringt Dinge in Zusammenhang mit einem System, die auf den ersten Blick nicht den Eindruck erwecken etwas miteinander zu tun zu haben. Das Vorhanden-, oder Nichtvorhandensein eines bestimmten Teiles in der Kultur, wie in der Sprache hat das Potential große Zusammenhänge zu erklären.
Diese Ansicht, teilt der typisch Lévi-Strauss’sche Strukturalismus mit der strukturellen Linguistik, sowie mit der kognitiven Anthropologie. (vgl. Barnard S.127)
Das kennzeichnendste an Lévi-Strauss Mitwirkung, ist seine Suche nach einer Struktur aller möglichen Strukturen, nach einer Grundstruktur menschlichen Denkens. Er meint, dass Strukturen Abbildungen von natürlichen Strukturen sind. Seine Anthropologie repräsentiert den Höhepunkt des Prinzips des „l’esprit humain“, der psychischen Einheit der Menschheit.
Als Beispiel, führt er in den „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ das Inzesttabu an, dass auf der ganzen Welt, in allen Kulturen vorhanden ist. Es trifft nur, je nach kulturellen Konstruktionen auf verschiedene Arten von Verwandten zu. Hier meint er, die Naturgebundenheit der Menschen zu lokalisieren, und sieht diese Tatsache als universell geltend an.

Strukturalismus hebt Ordnung und Schema über Inhalt und bestreitet in einem gewissen Sinn, dass Inhalt ohne Form überhaupt vorhanden sein kann.
Speziell in Lévi-Strauss Werk wird deutlich, dass ihm nach Strukturen nicht nach empirischen sondern nach rationalen Fundamenten ausgerichtet sind. Das wird anhand seiner Kristall-Metapher deutlich. (vgl. Barnard S.127)
„...one does not find an absolutely perfect crystal in nature; one finds it in the mind...” (Barnard S.127)

Lévi-Strauss beschäftigt sich mit idealen Strukturen der Gesellschaft in doppeltem Sinn: Einerseits betrachtet er was in seinem Geist ist, andererseits das was im Geist, der von Ethnographen behandelten Menschen ist.
Er wird als der paradigmatische Strukturalist angesehen. Sein Universalismus betrifft die Verkörperung der strukturalen Anthropologie.
Er beeinflusste viele Anthropologen mit seinem Denken. Es gibt auch viel Kritik an seiner Arbeit, viele akzeptierten zum Beispiel seine Idee der „psychic unity“ nicht.

Der niederländische Strukturalismus (u.a. JPD de Josselin Jong) entstand aus den Studien zu Sprache, Kultur und Gesellschaft. Diese Form von Strukturalismus postuliert Strukturen, die einheitlich für bestimmte „culture areas“ oder Regionen sind. (vgl. Barnard Kap.4). Hier hatte Claude Lévi-Strauss auch vor allem durch seine Theorien zu Kinship Einfluss. Niederländische Anthropologen, griffen auch Lévi-Strauss’ Ideen zu Mythen und Symbolismus auf und arbeiteten in diesem Gebiet weiter.
Britische Strukturalisten, die stark vom Lévi-Strauss’schen Denken beeinflusst waren, hatten gewisse Unstimmigkeiten mit der von ihm angewandten Methodologie (u.a. Edmund Leach, Rodney Needham). In den 70er/80er Jahren schrieb Needham hauptsächlich zu Themen wie Sprache, Religion, symbolischer Klassifikation – alles unter dem Begriff anthropologische Philosophie zusammenfassbar. Trotz vieler Unstimmigkeiten mit Lévi-Strauss’ Werk, ist in seinen Arbeiten ein gewisser Grad des strukturellen Denkens zu erkennen.
„In other countries structuralism cought on in various ways between the 1950s and 1970s, but the Dutch and British traditions have remained the prime exemplars respectively of the regional and culture-specific versions“ (Barnard S.136)
Auch die belgische Anthropologie, die einige Parallelen zur niederländischen und zur britischen Tradition aufweist, wurde von Lévi-Strauss Denken beeinflusst. Der belgische Strukturalist Luc de Heusch postulierte eine regional-strukturelle Methodologie zu Studien zu politischen Prozessen, Verwandtschaftstransformation, Mythen, Heiligtum und Symbolismus in Zentral-Afrika und kam so zu einer generellen strukturellen Basis für Tier-Symbolik in afrikanischen Gesellschaften.
Edmund Leach und Marshall Sahlins fügten ebenfalls einen strukturellen Ansatz zum Studium der sozialen Transformationen hinzu.
Diese Autoren ergänzten alle den Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung mit einer historischen Dimension.
In Frankreich entwickelte Louis Dumont ein regional-strukturelles Verständnis von sozialen Hierarchien in Indien.
Lévi-Strauss Einfluss auf die französische Nachkriegs - Anthropologie war sehr zentral.
Einer seiner Assistenten, Maurice Godelier trug ebenfalls strukturalistische Züge in seinem Denken mit. Er bemerkte Ähnlichkeiten zwischen Strukturalismus und Marxismus, und arbeitete diese auf. Auch ein Interesse an Transformationen, war hier gegeben. Eine Idee, die ebenfalls von Lévi-Strauss komparativen Studien zu Mythologien herrührte, da diese Transformationen einer Struktur unterlagen. Diese Strukturen wurden mit einer Mystifikation von realen sozialen Umständen, definiert als allgemeiner psychosozialer Determinismus, assoziert. Trotz ihrer Natur, verborgen zu sein, sind sie real.
Lévi-Strauss und Godelier postulierten, dass Empirizismus nicht falsch, sondern unmöglich sei, weil er fälschlicherweise annimmt, durch Informanten, einen mehr oder weniger direkten Zugang zur sozialen Realität gewährleisten zu können. (vgl. One Discipline, Four Ways; S.220) Vor allem ab dem Jahr 1968 wurde intensive Kritik am Strukturalismus geübt, speziell an Autoren wie Claude Lévi-Strauss.
Der Ausgangspunkt des Poststrukturalismus, liegt in dem Sinn im Strukturalismus, als er auf einer Reihe Kritiken dessen aufbaut.

Zuletzt ist zu sagen, dass viele der aktiven Anthropologen in den 1960er und 1970er Jahren direkt von Lévi-Strauss’ Denken inspiriert wurden. Viele davon waren seine Studenten.
Während der Einfluss von Lévi-Strauss immer der wichtigste war, ist strukturale Anthropologie eine sehr komplexe Tradition, deren Haltungen immer auch von Konzentrationen, nationaler Interessen mitdefiniert wurde.

Literatur:

Barnard, Alan : History and Theory in Anthropology. Cambridge : Cambridge University Press : Fifth Printing 2004 : 2002

Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman : One Discipline, Four Ways : British, German, French and American Anthropology. Chicago University Press : 2005.

Mittwoch, November 23, 2005

1.Essay

Frage 4 : Emile Durkheim :

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20.Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Emile Durkheim gilt als Begründer der französischen Soziologie. Aufgrund seiner interdisziplinären Arbeiten, ist er aber auch für die Anthropologie von großer Bedeutung.
Er beeinflusste mit seiner funktionalistischen Soziologie insbesondere zwei große Theorien der Soziologie als auch Anthropologie. Den britischen Funktionalismus (Malinowski, Radcliffe-Brown, Meyer Fortes, Evans-Pritchard) und den französischen Strukturalismus (Mauss, van Gennep, Lèvi-Strauss). Er hatte außerdem auch auf andere Wissenschaften wie Politik, Geschichte, Religion und Recht Einfluss.
Die rezente empirische Tradition der Soziologie, ist aus Durkheims frühen Arbeiten herausgegangen.

In seiner Arbeit zu Religion, die sehr zentral in seinem ganzen Werk ist („Les formes elementaires de la viè religieuse“ 1912), stellte er sich sehr stark gegen die Psychologie zur Erklärung derartiger Phänomene. Während seine Vorgänger die Gründe für die Entstehung von Religion in einer Missdeutung bestimmter v.a. natürlicher Phänomene durch Gefühle wie Angst sahen, also als ein Produkt des individuellen, menschlichen Geistes, postulierte Durkheim Religion als soziales Faktum, das als solches nur aus eben sozialen Fakten erklärt werden könne(da die Gesellschaft sui generis ist). Soziale Fakten, werden nicht durch Individuen, sondern durch Gruppen geprägt. Religion als Institution der Funktion der Wertevermittlung an die Gesellschaft. Ein gutes Beispiel für Durkheims Theorie vom sozialen im religiösen ist seine Interpretation des Totemismus. Dieser ist für ihn beides Religionsform und Heiratsregulationssystem in australischen Gesellschaften.
Er definiert :Religion unterscheidet zwischen profanem(profane) und heiligem(sacred). Sie anerkennt die Existenz de Übernatürlichen (Gottes) und sie basiert auf einer Versammlung von Menschen, die als moralische Gemeinschaft das Heilige repräsentiert. Er meint weiter, dass im Ritual die Menschen die Gesellschaft selbst verehren. Hier kann man auch Durkheims Tendenz zum Funktionalismus gut erkennen. In seinen Erklärungen kommt er vom Glauben zum Ritual. Er argumeniert, dass durch Rituale, durch Vermittlung von Werten etc. die soziale Ordnung konstruieren, die Gültigkeit dieser Ordnung gezeigt wird. Durkheim wurde von E.E. Evans-Pritchard kritisiert, der meinte, dass Durkheims Erklärung nur für (was man früher) geschlossene Gesellschaften( nannte) gelten könne.

Eine weitere wichtige Neuerung, die mit Durkheims Werk aufkam, war die Unterscheidung von Gesellschaften mit organischer oder mechanischer Solidarität, welche er in seiner 1893 abgegebenen Dissertation „De la division du travail social“ beschrieb. Er lehnt den Gesellschaftsvertrag und die autoritäre Herrschaft ab, und fragt was die moderne Industriegesellschaft prägt. Die organische Soildarität, ließe sich ihm nach in „modernen“ Gesellschaften finden. Sie zeichnet sich durch ein hohes Maß an Arbeitsteilung aus. Einhergehend mit starker Tendenz zur Spezialisierung führt Abhängigkeit zum Zusammenhalt der Gesellschaft. Die mechanische Solidarität hingegen, beruht darauf, dass jeder in der Gesellschaft das gleiche macht (zB.: Subsistenzbauern). Hier gibt es sehr wenig Arbeitsteilung, und soziale Normen/Werte sind sehr stark reguliert. Durch die Gemeinsamkeit der gleichen Tätigkeit, entwickelt sich eine gemeinsame Identität. Das Ziel seines Werkes ist den Widerspruch zwischen zunehmender Individualisierung und kollektivem Zusammenhalt der Gesellschaft aufzulösen. Durkheim war außerdem der Erste der den Begriff segmentarité in Zusammenhang mit der Gesellschaft verwendete. Radcliffe-Brown hatte die Frage wie Gesellschaften ohne staatliche Zentralinstanz funktionieren von Durkheim übernommen, und kam so zu seinem Bild der segmentären Gesellschaften.
Diese Ansätze zeigen das funktionalistische an Durkheims Ideen. Zum funktionalistischen Ansatz kam er durch seine Sicht der Gesellschaft als sui generis – die weiter bedeutet, das soziale Fakten nur durch soziale Fakten erklärt werden können.


Ebenfalls wichtig in Bezug auf Durkheims Denken, ist eine neue Erkenntnis durch seine Studien zu Selbstmordraten in verschiedenen Ländern und sozialen Gruppen(Katholiken, Protestanten, ländliche und städtische Bevölkerung, Verheiratete, Unverheiratete, männlich , weiblich, etc.)(„Le suicide“ 1897 in dem er sich der Methodik der Statistik bedient).Diese Raten variieren in verschiedenen sozialen und lokalen Kontexten. Er kommt zu dem Schluß, dass der eigentlich individuelle Akt des Selbstmordes in gewisser Weise durch Faktoren wie Religion, Gesellschaft, Kultur etc. determiniert ist. In diesem Werk entwickelt er außerdem den Begriff der Anomie (griech.: Un Ordnung ; allg.:Gesetzlosigkeit). Er führt den Begriff in die Soziologie ein, und versteht darunter den Rückgang von religiösen Werten und Normen, die laut ihm unweigerlich zur Zerstörung u.o Verringerung der sozialen Ordnung führen müssen. Es ist von Relevanz, dass er gerade ein augenscheinlich so individuelles Handlungsmuster als Basis nimmt um zu zeigen, wie sehr Struktur das Individuum bestimmt.
Durkheims Ansatz war grundsätzlich konträr zu darwinistischen und britischen Theorien des Evolutionismus. Trotzdem er sich gegen diese Strömungen stellte, sind in seinem Werk leichte evolutionistische Tendenzen zu erkennen.

Ein richtiggehend revolutionärer Akt, war die Gründung des Journals „Année sociologique“ 1896. Die interdisziplinär orientierte Fachzeitschrift, regte den damaligen Wissenschaftlichen Diskurs sehr an. Dieses Journal wurde zur Grundlage der Durkheim Schule.
Durkheim sammelte eine Gruppe von Geschichtswissenschaftlern, Juristen, Philosophen und Ökonomen um sich, die seine Vision einer integrierten Sozialwissenschaft teilten. (u.a. sein Neffe – Marcel Mauss, Lévy-Bruhl, Robert Hertz, Marcel Granet Henri Hubert ; alle diese beeinflussten in gewisser Hinsicht die Ethnologie, manche spät aber doch) Die internationale Zeitschrift, die auch anthropologische Beiträge publizierte (v.a. Religionsanthropologie) erlangte rasch großen Einfluß. Das Journal ist unter Anderem für die Begründung der Legitimität der Ethnologie verantwortlich.
In einem im Année sociologique von Durkheim und seinem Neffen Marcel Mauss publizierten Artikel mit dem Titel „Primitive Classification“ zeigen sich stark Elemente aus strukturalistisch – funktionalistischen , sowie evolutionistischen und strukturalistischen Sichtweisen. In diesem kurzen Text ist die zentrale Frage, wie der menschliche Geist klassifiziert.
Abschließend ist zu sagen, dass kaum ein Name die französische Anthropologie und Soziologie so dominierte, wie der Emile Durkheims, selbst lange nach seinem Tod.

Literatur:

Barnard, Alan : History and Theory in Anthropology. Cambridge : Cambridge University Press : Fifth Printing 2004 : 2002

Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman : One Discipline, Four Ways : British, German, French and American Anthropology. Chicago University Press : 2005.